
Abdel hamid Abaaoud, auch unter dem Kampfnahmen "Abu Omar al-Baldschiki" (der belgische AbuOmar) bekannt, auf der Titelseite eines Artikels, der in dem monatlichen Online-Propagandamagazins des IS "Dabiq" in englischer Sprache (Heft 7, Februar 2015) veröffentlicht wurde. In einem Interview berichtete Abdelhamid Abaaoud, wie er vom IS zwecks einer terroristischen Mission nach Belgien geschickt wurde.Die Zelle wurde zwar durch die belgischen Sicherheitsdienste aufgedeckt, er schaffte es aber, zu entkommen und zurück nach Syrien zu gelangen.Kurze Zeit später wurde er wieder durch den IS nach Europa geschickt und stand an der Spitze des Netzwerks, das die Terroranschläge in Paris verübt hat.
Übersicht
1. Abdel hamid Abaaoud (Abu Oud) war ein belgischer Terrorist,der an der Spitze des Netzwerks stand, das die letzten Terroranschläge in Paris verübt hat. In Verbindung mit diesen Anschlägen führte die französische Polizei am 18. November 2015 eine Razzia durch und durchsuchte ein Gebäude im Vorort von Saint Denis nördlich von Paris, in dem Abaaoud vermutet wurde. Vor Ort versteckte sich eine Terrorzelle, die einen Schusswechsel mit der Polizei austrug. Während dessen sprengte sich eine Selbstmordattentäterin in die Luft. Die französischen Behörden berichteten, dass die dort gefundene Leiche nicht diejenige Abaaouds sei. Es wurde zudem berichtet, dass dieSelbstmordattentäterin eine Cousine von Abaaoud war.
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2. DieTerroranschläge in Paris, an denen europäische Aktivisten des IS beteiligt gewesen waren, zeigt besonders deutlich die Risiken, denen die europäischen Länder durch die in ihre Heimatländer rückkehrenden IS-Aktivisten ausgesetzt sind. Die Terroranschläge von Paris und deren Ausläufer deuten darauf, dass der IS das operative Potenzial dieser europäischen Aktivisten gut erkannt hat und damit begann, sie durch seine Initiative zurück nach Westeuropa zu schicken, um dort terroristische Netzwerke aufzubauen und Terroranschläge durchzuführen. (An den Terroranschlägen von Paris nahm ein Selbstmordattentäter teil, der Anfang Oktober 2015 aus Syrien gesandt worden war. Dieser tauchte in den Flüchtlingsmassen unter und schloss sich dem dschihadistischen Netzwerk an, das zuvor von Abdelhamid Abaaoud gegründet wurde.) All dies passiert mit einem hohen Maß an Mut und Selbstvertrauen, die unserer Einschätzung nach auf der Bewertung des IS basieren, dass die europäischen Anti-Terror-Maßnahmen nicht effektiv genug sind. |
Charakterzüge von Abdelhamid Abaaoud und Einblick in seiner Vergangenheit
3. Abdelhamid Abaaoud (Abu Oud, 27) war ein belgischer Staatsbürger marokkanischer Herkunft. Er wuchs im Brüsseler Vorort Molenbeek auf, das in Belgien als Zentrum der Dschihadisten gilt. Der Terroranschlag in Paris zeigt, dass Molenbeek auch hier als logistisches Rückgrat diente. Mindestens zwei Terroristen, die nach Paris kamen um den Angriff auszuführen, stammen aus Molenbeek. In der Vergangenheit war dies der Ausgangspunkt für viele belgische Aktivisten nach Syrien zu gehen, um sich dem IS anzuschließen und in seinen Reihen zu kämpfen.[1]
4. Abdelhamid Abaaoud stammt aus einer Familie von Einwanderern aus Marokko. Sein Vater ist ein Wanderarbeiter,der vor über vierzig Jahren nach Belgien kam. Sein Vater führte ein Geschäft und war in der Lage, für sich und seine Familie (Frau und sechs Kinder) ein schönes Haus in einem besseren Teil des Armenviertels Molenbeek kaufen. Britischen Medienberichteten zufolge führte die Familie kein religiöses Leben. Gemäß Jasmina, Abaaouds Schwester, interessierte er sich nicht für die Religion und pflegte nicht einmal, eine Moschee zu besuchen.
5. In seiner Jugend wurde Abdelhamid Abaaoud von seinen Nachbarn als "feiner Junge Mann" bezeichnet, dessen Eltern stolz auf ihn waren. Irgendwann jedoch begann er als Teenager sich für verschiedene Straftaten zu engagieren. Er trieb sich in den Straßen des Viertels mit problematischen Jungendlichen herum und stieg in Kleinkriminalität (Ladendiebstahl, Verkauf von Diebesgut) ein. Er besuchte eines der führenden Colleges von Brüssel, wurde von dort allerdings nach einem Jahr ausgewiesen, weil er Brieftaschen der Schüler zu stehlen pflegte und Schüler sowie Lehrer misshandelte. Er verbrachte seine Zeit in hochkarätigen Bars und Diskotheken der belgischen Hauptstadt, begleitet von zwei Freunden, die er später für die Terroranschläge in Paris rekrutierte (die Brüder Ibrahim und Salah Abdeslam). Vor etwa fünf Jahren begingen Abdelhamid Abaaoud und sein Freund Salah Abdeslam einen bewaffneten Raubüberfall und wurden folglich zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt (The Guardian, 18. November 2015; Daily Mail, 19. November 2015).
6. Es scheint, dass Abdelhamid Abaaoud während seiner Zeit im Gefängnis einem Prozess der islamischen Radikalisierung unterlag, ein Phänomen, das bereits in der Vergangenheit bei dschihadistischen Aktivisten auftauchte. Daraufhin folgte er Hunderten von belgischen Aktivisten, die den Weg nach Syrien auf sich nahmen, um dem IS beizutreten.[2] Er erreichte Syrien im Januar 2014 und brachte seinen 13-jährigen Bruder Younes mit sich (aus diesem Grund wurde er von einem belgischen Gericht wegen der Entführung seines Bruders verurteilt, nachdem sein Vater, Omar Abu Oud, eine offizielle Klage gegen seinen Sohn bei der belgischen Polizei eingereicht hatte).
7. Es scheint, dass Abdelhamid Abaaoud zu Beginn seiner Laufbahn im Dienste des IS "Routineaufgaben" bei Kampfeinsätzen und Logistik zugewiesen bekam. Während seines Aufenthalts in Syrien wurde Abaaoud von Ohr zu Ohr lächelnd in einem Mehrzweckwagen dokumentiert, der die Leichen von Personen hinter sich zog, die vom IS ermordet wurden (Daily Mail, 18. November 2015). Nach Angaben einer syrischen Menschenrechtsorganisation wurde er während seines Aufenthalts in Syrien zum Kommandeur in der Region von Deir ez-Zor ernannt (all4syria, 14. August 2015). Es ist auch anzunehmen, dass er während seines Aufenthalts in Syrien belgische Aktivisten für das Terrornetzwerk des IS rekrutierte. Abdelhamid Abaaoud wurde daraufhin von einem belgischen Gericht Ende Juli 2015 in Abwesenheit zu zwanzig Jahren Gefängnisverurteilt.[3]
8. In einer späteren Phase, unserer Einschätzung nach ab Ende 2014, entschied der IS, Abaaouds relativen Vorteil als belgischer Staatsbürger zu nutzen zu machen, da er die Fähigkeit besaß, sich relativ frei in Westeuropa zu bewegen und zu agieren. Somit kehrte er zurück nach Belgien, um ein Terrornetzwerk aufzubauen und Anschläge zu verüben. Es scheint, dass der IS noch zuvor falsche Informationen über den vermeintlichen Tod Abaaouds bei Kämpfen in Umlauf gebracht hatte, um seine Aufdeckung in Belgien zu vermeiden. Aus einem Interview mit Abdelhamid (siehe im Folgenden) geht hervor, dass er zusammen mit zwei weiteren belgischen Aktivisten nach Belgien kam. Die drei Aktivisten verschafften sich eine Unterschlupfwohnung, in der sie Waffen und Sprengstoffe horteten. Belgische Sicherheitsdienste deckten die Zelle im Januar 2015 auf, stürmten die Wohnungund töteten zwei ihrer Mitglieder. Abdelhamid Abaaoud befand sich zum Zeitpunkt der Razzia nicht in der Wohnung und konnte unversehrt nach Syrien zurückkehren.

Links oben: Abdelhamid Abaaoud im Kampfanzug; Unten links: Younes, der jüngere Bruder von Abdelhamid Abaaoud während seines Aufenthalts in Syrien; Rechts: AbdelhamidAbaaoud mit einem anderen Aktivisten des IS (al-Arabiya TV, 16. November 2015).
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9. Im Februar 2015 wurde ein Interview mit Abdelhamid Abaaoud immonatlichen Online-Propagandamagazin des IS "Dabiq" in englischer Spracheveröffentlicht. Unserer Einschätzung nach sollte das Interview europäische Aktivisten dazu motivieren, terroristischen Missionen im Namen des IS in ihren Herkunftsländern nachzugehen. Mittelpunkt des Interviews waren "die Heldentaten" von Abdelhamid Abaaoud in Belgien und Europa und seine Erfolge, allen Nachrichtendiensten zu entkommen, die hinter ihm her waren. Das Interview wies auch auf ein hohes Maß an Mut und Selbstvertrauen auf Seiten des IS hin, der nicht zögerte, die Fotos von Abdelhamid Abaaoud der Öffentlichkeit zu präsentieren. Kurz daraufhin (unserer Einschätzung nach etwa im März 2015), sandte der IS Abaaoud mit einem neuen Auftrag nach Belgien und Frankreich. |
10. Nicht lange nach seiner Rückkehr nach Syrien (unserer Einschätzung nach innerhalb weniger Wochen) wurde Abdelhamid Abaaoud zum zweiten Mal nach Westeuropa (wohl nach Belgien) geschickt. Diese zweite Mission endete mit der Planung und der Beihilfe der Terroranschläge von Paris und seinem Tod in Saint Denis. (Die französischen und britischen Medien beschreiben ihn als das "Gehirn" hinter dem Anschlag.) Bei den Pariser Terroranschlägen wurde er von den Abdeslam Brüdern unterstützt. Sie waren seine Kindheitsfreunde,mit denen er in Molenbeek aufgewachsen war. Darüber hinaus verwickelte er bei den Anschlägen auch seine Cousine. Französische und britische Medien berichteten, dass er an zwei Angriffen beteiligtgewesen war: der erste war ein Angriff auf die Pariser Kirche Saint-Cyr-Sainte-Julitte,der im April 2015 vereitelt wurde; der zweite Angriff ereignete sich am Abend des 21. August 2015 im Thalys-Zug, der von Paris nach Amsterdam fuhr.[4]
Auszüge aus dem Interview im IS-Magazin "Dabiq"
11. Das Interview Abdelhamid Abaaouds im IS-Magazin "Dabiq" (im Februar 2015) beschäftigt sich hauptsächlich mit seiner Entsendung durch den IS nach Belgien, zusammen mit zwei weiteren belgischen Aktivisten, und mit seinem Erfolg, aus Belgien zu entkommen. Im Folgenden die wichtigsten Punkte:
A. Der Weg von Syrien nach Belgien: Abdelhamid Abaaoud erwähnte, dass er Belgien mit zwei weiteren Aktivisten, womöglich Belgier, erreichte: ein Aktivist, der als belgischer Abu Khaled ("Sofian") undein anderer,deralsbelgischer Abu Zubair ("Khalid") bekannt ist. Er weist darauf hin, dass sie bei der Durchreise in Europa auf dem Weg nach Belgien Schwierigkeiten hatten, aber schließlich doch nach Belgien gelangen. (Daraus ergibt sich, dass die drei auf dem Landweg nach Belgien kamen.)
B. Das Ziel der Entsendung: Abaaoud nannte nicht das konkrete Ziel, vermutlich um keine operativen Pläne zu offenbaren. Er erwähnt, dass der Zweck der Entsendung war, die "Kreuzfahrer" (sprich, die Christen), die einen Krieg gegen die Muslime führen, zu terrorisieren. Abaaoud wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Belgien ein Koalitionspartner sei, der die Muslime (sprich, den IS) im Irak und in Syrien angreift. Unserer Einschätzung nach sollte die Zelle ein Terrornetzwerk in Belgien errichten und dort, wie auch in Frankreich und möglicherweise auch an anderen Standorten in Westeuropa, Angriffe ausführen. Die Explosivstoffe und Waffen, die in ihrer Unterschlupfwohnung gefunden wurden (siehe im Folgenden) weisen deutlich darauf hin.
C. Razzia der belgischen Behörden in der Unterschlupfwohnung der Zelle: Abdelhamid Abaaoud erklärte, dass die Zelle sich in einer sicheren Wohnung aufhielt, in der sie Waffen und Sprengstoffe herstellten.Er erwähnt jedoch nicht, wo sich die Wohnung befand. Er beschreibt, wie die belgischen und französischen Sicherheitskräfte die Wohnung überfielen, in der sich zwei Mitglieder der Zelle befanden. Danach folgte ein Feuergefecht von etwa zehn Minuten. Die beiden Zellenmitglieder wurden dabei getötet. Abdelhamid Abaaoud, der zu diesem Zeitpunkt nicht in der Wohnung war, konnte unversehrt nach Syrien zurückkehren.
D. Die Flucht von Belgien nach Syrien: Abdelhamid Abaaoud prahlte im Interview damit, dass er flüchten und nach Syrien zurückkehren konnte, obwohl viele Geheimdienste nach ihm fahndeten. Er fügte hinzu, dass sein Name und sein Foto überall in den Nachrichten erschienen und dass es ihm dennoch gelang, in Belgien zu bleiben, um Angriffe zu planen, und es zu verlassen, als es nötig wurde. Unserer Einschätzung nach sollte diese Veröffentlichung eine "beruhigende" Botschaft an alle europäischen Aktivisten vermitteln, die von Seiten des IS auf Mission geschickt werden, wonach die europäischen Anti-Terror-Maßnahmen nicht effektiv genug sind.
12. Die Razzia der belgischen Sicherheitskräfte, die Abdelhamid Abaaoud bewegte, nach Syrien zu fliehen, fand unserer Einschätzung nach am 15. Januar 2015 in der belgischen Stadt Verviers in der Nähe von Brüssel statt. Belgische und französische Sicherheitskräfte deckten vor Ort eine Zelle von IS-Aktivisten auf, die wohl kurz davor waren, einen Angriff auf eine Polizeistation zu verüben. Die Mitglieder der Zelle waren mit Polizeiuniformen, vier Kalaschnikows und Sprengstoff ausgestattet. Zwei Mitglieder der Zelle (Freunde Abaaouds) wurden während des Feuergefechtsmit den Sicherheitskräften getötet. Nach dem Vorfall berichteten die Medien, dass die beiden kürzlich nach Belgien zurückkehrten, nachdem sie in den Reihen des IS in Syrien gekämpft hatten (Daily Mail, 16. Januar 2015).[5]
[1] Weitere Einzelheiten zu den Terroranschlägen in Paris finden Sie in unserem Bulletin vom 17. November 2015: "Der Terroranschlag des IS in Paris: Vorläufiges Bild der Lage und Bedeutungen".
[2] Gemäß eines Dokuments des US-Kongress Research Service, versuchten rund 380 Aktivisten, Belgien zu verlassen und nach Syrien zu gelangen. 330 von ihnen gelang es tatsächlich, in Syrien anzukommen (Angaben von Anfang 2015). Es wurde auch erwähnt, dass ein unabhängiges Forschungsinstitut die Zahl mit ca. 440 höher einschätzte. Belgien ist, im Verhältnis zu seiner Bevölkerung, das Land mit den meisten Personen, die den Kämpfen im syrischen Bürgerkrieg beitreten ("Europäische Kämpfer in Syrien und dem Irak", April 2015).
[3] Abdelhamid Abaaoud war einer von 32 Personen, die wegen der Drahtziehung eines der größten Rekrutierungsnetzwerke zugunsten Syriens angeklagt wurden. Viele von ihnen wurden in Abwesenheit verurteilt.
[4] Während der Fahrt des Hochgeschwindigkeitszugs von Amsterdam nach Parisverließ ein Mann die Zugtoilette mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr und einem Messer und eröffnete das Feuer auf die Passagiere. Drei Passagiere wurden dabei verletzt. Einige Passagiere, darunter zwei US-amerikanische Bürger, übermannten den Attentäter, neutralisierten ihn und verhinderten eine Massentötung. Der Attentäter wurde als Ajub al-Khasani (26) identifiziert. Er stammte aus Marokko und lebte einst in Spanien. Spanische Medien berichteten, dass Ajub al-Kahsani den französischen, belgischen und spanischen Sicherheitsdiensten gut als Mitglied der radikal-islamischen Bewegungen bekannt sei. Ajub al-Khasani ging 2014 nach Syrien und diente wohl für eine Weile in den Reihen des IS (Telegraph, 22. August 2015).
[5] Siehe "Der globale Dschihad im Blickpunkt (21. - 15. Januar 2015) im "Informationsbulletin", das über den Vorfall berichtet.


