Ergebnisse einer vorläufigen Analyse des Attentäterprofils der gegenwärtigen Terrorwelle auf israelischem Staatsgebiet (14. September – 25. Oktober 2015)


Der “ansteckende Effekt” der Messerattacken: Plakat in den palästinensischen sozialen Netzwerken im Internet, darunter auch solche, die der Hamas nahestehen.  Das Plakat ist mit dem Satz “Wenn nicht du für Jerusalem bist, wer dann?” überschrieben und zeigt die letzten Posts der Terroristen Muhanad Shafik und Fadi Alun, die eine Messerattacke in Jerusalem verübten, dabei ums Leben kamen und postum zum Vorbild für folgende Attentäter wurden.
Der “ansteckende Effekt” der Messerattacken: Plakat in den palästinensischen sozialen Netzwerken im Internet, darunter auch solche, die der Hamas nahestehen.
Das Plakat ist mit dem Satz “Wenn nicht du für Jerusalem bist, wer dann?” überschrieben und zeigt die letzten Posts der Terroristen Muhanad Shafik und Fadi Alun, die eine Messerattacke in Jerusalem verübten, dabei ums Leben kamen und postum zum Vorbild für folgende Attentäter wurden.

Allgemeine Übersicht

1.     Die Terror- und Gewaltwelle, die Israel derzeit heimsucht und die noch nicht zu Ende scheint, setzte unseres Erachtens am jüdischen Neujahrsfest Mitte September ein. Im Rückblick betrachtet, war der Zwischenfall, der den Beginn der Gewaltwelle symbolisierte, die Steinwurfattacke auf das Auto von Alexander Levlowitz in der Nähe des Jerusalemer Stadtviertels Armon Hanatziv (14. September 2015). Am Anfang konzentrierten sich die Gewalt und der Terror auf den Tempelberg und Ostjerusalem. Danach breiteten sie sich auf die anderen Teile Jerusalems und das israelische „Kernland“ sowie auf verschiedene Brennpunkte in Judäa und Samaria aus (besonders auf Hebron). Die derzeitige Terrorwelle kostete bislang 12 Israelis und fast 70 Palästinensern das Leben.[1]

2.      Die gegenwärtige Terrorwelle ist Teil der umfassenden Strategie des „Volkswiderstandes“, welche die Palästinensische Autonomiebehörde und die Fatah-Bewegung am sechsten Fatah-Kongress (im August 2009) verabschiedeten.[2] Sie äußert sich in an- und abschwellenden Wellen des Volksterrors. Die derzeitige Welle (die besondere Merkmale trägt) ist besonders ausgeprägt. Der Volksterror manifestiert sich durch gewalttätige Demonstrationen, Steinwürfe, Angriffe mit Molotow-Cocktails, Messerattacken und Autoattentate, die von der Palästinensischen Autonomiebehörde Rückendeckung und Unterstützung erhalten. Bei der gegenwärtigen Terrorwelle kam es (ähnlich wie bei früheren solchen Wellen) auch zu Attentaten mit Schusswaffen, die vom Muster des „Volkswiderstandes“ abweichen. Sie werden von der Palästinensischen Autonomiebehörde jedoch nicht verurteilt und sogar noch unterstützt.

3.     Die vorliegende Studie überprüft das Profil der 35 Attentäter, die Anschläge auf israelischem Gebiet (in Jerusalem und im israelischen „Kernland“) im Rahmen der gegenwärtigen Terrorwelle verübten. 24 der Attentäter kamen bei diesen Attentaten ums Leben, 11 wurden verletzt. Diese Terroristen verübten 29 Anschläge, überwiegend auf dem Gebiet der Stadt Jerusalem, einige auch an anderen Orten im israelischen „Kernland“. Die Attentäter tragen unterschiedliche persönliche Merkmale, doch aufgrund einer ersten Überprüfung lässt sich unseres Erachtens eine Art (allgemeines) Profil des Terroristen erstellen, der Attentate in Israel verübt.

4.     Der typische Terrorist, der Attentate in Israel verübt, besonders Messerattacken, ist demnach überwiegend ein 17-19 Jahre alter Palästinenser, unverheiratet, ohne terroristische Vergangenheit, gehört keiner Terrororganisation an und wohnt in einem Ostjerusalemer Viertel (besonders auffällig sind dabei die Viertel Jabel Mukaber und Zur Baher im Südosten der Stadt). In den meisten Fällen handelt  es sich um einen Einzeltäter, der sich spontan und ohne Anleitung irgendeiner Führung zu seiner Tat entschließt. Der typische Attentäter hat weder eine islamistische Ideologie (einige der Attentäter führten offenbar ein ziemlich säkulares Leben) und gehört keiner Terrororganisation an, auch wenn ihn die Hetze der verschiedenen Terrororganisationen erreicht.

5.     Der typische Terrorist, der Anschläge in Israel verübt, ist von nationalen palästinensischen Motiven getrieben, „lebt“ den Volksterror der letzten sechs Jahre und ist von den Zwischenfällen auf dem Tempelberg und dem begleitenden Motto „Verteidigung der Al-Aqsa-Moschee“ stark beeinflusst. Auf persönlicher Ebene ist er vom Leben enttäuscht und nimmt die scharfe anti-israelische Hetze in den sozialen Netzwerken (vor allem auf Facebook) bereitwillig auf. Er ist zudem bereit, das hohe persönliche Risiko einer solchen Tat auf sich zu nehmen, und strebt danach, es anderen Palästinensern gleichzutun, welche die gegenwärtige Anschlagswelle auslösten und dabei ums Leben kamen (der Tod einiger dieser Attentäter und deren Verherrlichung in den palästinensischen Medien hat einen „ansteckenden Effekt“. Deren Nachahmung wurde zur Herausforderung und zu einer Art „Mode“).


 

6.  Die vorliegende Studie kommt zu dem vorläufigen Schluss, dass diese Merkmale von Terroristen, die Attentate auf israelischem Gebiet verüben, sich in einigen Punkten von den Attentätern unterscheiden, die im Verlaufe der gegenwärtigen Terrorwelle in Judäa und Samaria zuschlugen. Der Hauptunterschied besteht nach unserer Einschätzung vor allem in der Herkunft mancher Attentäter. Während die Attentäter in Judäa und Samaria zumeist aus dem Raum Hebron stammen, kamen die meisten Attentäter, die Anschläge auf israelischem Gebiet verübten, ganz klar aus Ostjerusalem (aus Gründen, die in der Folge noch zu erläutern sind). Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die Attentäter, die Anschläge in Israel verübten, jünger sind (durchschnittlich 18 Jahre alt), verglichen mit dem Durchschnittsalter von 20 Jahren von Attentätern, die in Judäa und Samaria zuschlugen.[3] Was die Bildung anbetrifft, scheint uns, dass der Anteil von Studenten aus Judäa und Samaria unter den Attentätern (und Teilnehmern an Ausschreitungen) relativ hoch ist.

7.     Im Verlaufe der gegenwärtigen Anschlagswelle erleben wir, dass es sich oft um Einzeltäter handelt, die sich spontan zu einem Anschlag entschließen und dabei das hohe Risiko, dabei ums Leben zu kommen, in Kauf nehmen (ohne Aussicht auf dramatische Effekte, d.h. bei der Tat viele Israelis töten zu können wie bei den Selbstmordattentaten im Verlaufe der Zweiten Intifada). Das ist ein Merkmal, das immer deutlicher zutage tritt, je länger die gegenwärtige Terrorwelle anhält.

8.     Dieses Merkmal zeugt unseres Erachtens vom Ausmaß der Desillusionierung und Verzweiflung der jungen palästinensischen Generation, die sich direkt an dieser Anschlagswelle beteiligt. Diese Generation hat die Zweite Intifada nicht erlebt, wuchs jedoch im Schatten der Gewalt auf, die den „Volkswiderstand“ prägt. Sie ist frustriert von der anhaltenden israelischen Besatzung, enttäuscht von der Palästinensischen Autonomiebehörde und offensichtlich auch von den palästinensischen Organisationen und betrachtet den gewaltsamen Kampf als einzigen Weg, auf nationaler palästinensischer und auf persönlicher Ebene eine Änderung zu bewirken. Die scharfe anti-israelische Hetze rund um die Vorfälle auf dem Tempelberg und die schwierigen Bedingungen, die in den palästinensischen Vierteln und generell in Ostjerusalem herrschen, tragen das Ihre dazu bei, dass sich junge Palästinenser aus Ostjerusalem (im Gegensatz zu früher) an vorderster Front an der gegenwärtigen Anschlagswelle beteiligen. Vor diesem Hintergrund fällt die scharfe anti-israelische Hetze, die in den palästinensischen Medien und vor allem in den sozialen Netzwerken im Internet verbreitet wird, auf fruchtbaren Boden und trägt ihren Teil zur Motivation zu Anschlägen bei.

Zur Methode

9.     Die vorliegende Arbeit ist als vorläufig zu betrachten. Sie richtet den Blick ausschließlich auf das Profil der Terroristen, die Anschläge auf israelischem Gebiet verübt haben, und nicht auf die Attentäter, die in Judäa und Samaria zuschlugen. Die gesonderte Betrachtung der Attentäter, die in Israel zuschlugen erscheint uns sinnvoll, weil sie einige besondere Merkmale aufweisen. Deshalb und weil sich die Studie nur auf vorläufige Daten stützt, sind daraus keine umfassenden Rückschlüsse zum Profil der Attentäter des palästinensischen „Volkswiderstandes“ zu ziehen, weder allgemeiner Art noch zu den unterliegenden Motiven der jungen Palästinenser (etwa zum Gewicht der nationalen palästinensischen Motive gegenüber religiösen Motiven, zu den sozialwirtschaftlichen Gründen oder zu persönlichen, familiären oder regionalen Gründen).

10.      Die vorliegende Studie stützt sich auf diverses ungesichertes palästinensisches und israelisches Quellenmaterial, besonders auf palästinensische Medien, mit besonderem Augenmerk auf Websites und die sozialen Netzwerke im Internet wie persönliche Facebook-Seiten und Websites, die zum Andenken an getötete Terroristen geschaffen wurden, Augenzeugenberichte von Angehörigen, Websites verschiedener Ortschaften etc. Dieses Material wurde mit israelischen Quellen abgeglichen, darunter Polizeiberichte, Anklageschriften gegen Attentäter und die Website des israelischen Inlandgeheimdienstes. Zudem verwendet diese Studie Berichte israelische Medien, welche die verschiedenen Vorfälle intensiv verfolgen und in denen auch wichtige Information (wenn auch ungesicherter und fragmentarischer Art) zu den Attentätern enthalten ist.

11.   Die vorliegende Studie über das Profil der Attentäter, die Attentate in Israel verüben, ist zeitlich umgrenzt:Sie bezieht sich auf den Zeitabschnitt zwischen dem 14. September 2015, als Alexander Levlovitz in der Nähe des Jerusalemer Viertels Armon Hanatziv bei einer Steinwurfattacke ums Leben kam (der Vorfall, der unseres Erachtens den Anfang der gegenwärtigen Terrorwelle markiert) und dem 25. Oktober 2015. Demzufolge dauert die derzeitige Anschlags- und Terrorwelle nun bereits eineinhalb Monate an (ein anderes mögliches Datum für den Beginn der Terrorwelle ist der 1. Oktober, als das Ehepaar Henkin auf der Straße zwischen Elon Moreh und Itamar einem Attentat mit Schusswaffen zum Opfer fiel). Die Gewalt- und Terrorwelle dauert jedenfalls an, woraus sich die Notwendigkeit ergeben wird, diese Studie aufgrund der täglich stattfindenden Anschläge zu einem späteren Zeitpunkt zu aktualisieren.

12.  Diese Studie umfasst drei Anlagen.Die erste Anlage bietet eine Zusammenfassung der Erkenntnisse der vorläufigen Prüfung des Attentäterprofils. Die zwei weiteren Anlagen enthalten eine kurze und vorläufige Zusammenfassung der Anschläge, die bislang auf israelischem Gebiet verübt wurden, und eine detaillierte Analyse des jeweiligen Attentäterprofils. Die geprüften Parameter umfassen die Art des Anschlags, den Anschlagsort, die Herkunft der Attentäter, Motivation, Alter, Organisationszugehörigkeit (falls vorhanden), Familienstand, Bildung, Beschäftigung, die Beteiligung von Frauen an Anschlägen und weitere Aspekte im Zusammenhang mit dem Täterprofil.

 

Anmerkung: Die obige Text ist Teil einer Analyse, die in voller Länge auf Englisch oder Hebräisch auf der Website des Informationszentrums abgerufen werden kann

[1]   Laut Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums starben bislang 61 Palästinenser (Radio Voice of Palestine, 26. Oktober 2015). Palästinensische Medien berichteten von 71 palästinensischen Toten (30. Oktober 2015). Israelischen Sicherheitsquellen zufolge kamen seit Anfang Oktober 2015 mehr als 65 Palästinenser bei gewalttätigen Zwischenfällen ums Leben (Haaretz, 30. Oktober 2015). Bei einigen dieser Toten handelt es sich um Palästinenser, die Attentatsversuche auf israelischem Gebiet und in Judäa und Samaria unternommen hatten. Zudem seien Palästinenser bei gewalttätigen Konfrontationen mit israelischen Sicherheitskräften in Judäa und Samaria sowie im Gazastreifen ums Leben gekommen.
[2]   Siehe zu den Charakteristiken dieser Strategie die Studie des Informationszentrums vom 20. Mai 2013: „Der palästinensische Volkswiderstand und die Gewalt, die in ihrem Rahmen ausgeübt wird“; siehe auch die Studie vom 26. Februar 2014 „Terror und Gewalt in Judaä und Samaria 2013: Daten, Merkmale und Trends“.
[3]   Diese Erkenntnis beruht auf der Auswertung von Daten des israelischen Inlandgeheimdienstes Schin-Bet (Stand: 29. Oktober 2015), die in einem Artikel von Amos Harel in der Zeitung Haaretz zitiert wurden (30. Oktober 2015). Die Daten beziehen sich auf sämtliche Anschläge, nicht nur auf die Anschläge auf israelischem Gebiet, mit der sich die vorliegende Studie befasst. Den Daten des Schin-Bet zufolge waren 80% der Terroristen, die bislang in der gegenwärtigen Terrorwelle zuschlugen, zwischen 16 und 24 Jahre alt (drei waren 13-15-jährig und einige weitere 25-33 Jahre alt). Fast 90% waren Männer, davon ca. 90% unverheiratet. Der Anteil der Attentäter aus Ostjerusalem beläuft sich auf 35%, nach fast 80% in den ersten zwei Wochen der Gewalt- und Terrorwelle. 50% der Terroristen kamen aus dem Westjordanland, davon rund 92% aus Hebron, Betlehem und Ramallah und nur 8% aus dem übrigen Samaria. Bei 5% der Attentäter handelte es sich zudem um israelische Araber. 10% der Terroristen konnten flüchten. Ihre Identität ist unbekannt.