
Überschrift eines Artikels in der Septemberausgabe von “Dabiq”, des IS-Monatsmagazins in englischer Sprache, in dem die massive Fluchtbewegung von Moslems in westliche Länder kritisiert wird.
Allgemeines
1. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle, welche derzeit die europäischen Länder überschwemmt, lancierte der IS jüngst eine Medienkampagne, die scharfe Kritik am Phänomen der Flucht von Moslems aus Syrien, Libyen und implizit auch vom Irak in westliche Länder (Europa und USA) übt. Für die Kampagne wurden islamische Kleriker und IS-Aktivisten aufgeboten, die in den Medienorganen des IS in arabischer Sprache auftreten.
2. Eine besondere Gefahr erkennt der IS darin, dass Einwohner das sich unter seiner Kontrolle befindliche Islamische Kalifat verlassen , um nach Europa und Amerika zu gelangen, die christlich geprägt sind (obwohl die meisten Emigranten nach den Worten den IS aus Gebieten stammen, die von „Ungläubigen“ – d.h. von Kurden, Schiiten und von den Regimes in Syrien und im Irak – beherrscht werden). Die Medienkampagne des IS beruht in erster Linie auf einem religiös-islamischen Argument, wonach die Emigration (Hidschra) aus Ländern des Islam (Dar Al-Islam) in von „Ungläubigen“ kontrollierte Länder (Dar Al-Kufar) eine Sünde darstelle, da der Islamische Staat die Heimat aller Moslems sei. In Europa würden die ausgewanderten Moslems ihre Identität verlieren und seien dort dem „Sittenzerfall“ und polizeilicher Gewalt ausgesetzt (Ein vom IS-produzierter Clip und der von ihm verbreitete Artikel enthalten Szenen polizeilicher Gewalt gegen Flüchtlinge an osteuropäischen Grenzübergängen).
3. Die Förderung der Einwanderung von Moslems aus der ganzen Welt in das islamische Kalifat, das vom IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi ausgerufen wurde, spielt eine wichtige Rolle in der Ideologie und der Strategie des IS. Am 1. Juli 2014, zwei Tage nach der Ausrufung des Kalifats, verbreitete Abu Bakr Al-Baghdadi eine Audiobotschaft, in der er die Moslems dazu aufrief, sich dem Kalifat anzuschließen und die Hidschra zu vollziehen, die er als religiöse Pflicht bezeichnete.[1] Auf dieser Grundlage rief er die islamische Geistlichkeit, muslimische Armeeangehörige, Beamten, Akademiker, Ärzte und Ingenieure in aller Welt dazu auf, sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Die Auswanderung von Moslems aus dem Islamischen Staat in westliche Länder stehe also im völligen Gegensatz zu dieser Pflicht.
4. Doch die entschiedene Ablehnung des Fluchtphänomens durch den IS hat nicht nur religiöse sondern auch ausgesprochen praktische Gründe, da die Flucht von Einwohnern der Gebiete des Islamischen Staates oder aus anderen umkämpften Gebieten in Syrien zur Ausdünnung der lokal ansässigen Bevölkerung, besonders der Mittelschicht, die sich die Flucht leisten kann, führen könnte. Das wiederum könnte zum Problem für den sich auf einen kleinen Kern von Aktivisten stützenden IS werden und seine Fähigkeit, Krieg an mehreren Fronten zu führen und weite Gebiete in Syrien und dem Irak zu kontrollieren, beeinträchtigen. Auf der psychologischen Ebene wirkt sich das Fluchtphänomen negativ auf das Image des Islamischen Staates als „Erfolgsgeschichte“ aus, das der IS über seine Medienkanäle zu pflegen versucht.
5. Es sei betont, dass der IS nicht unerheblich zur massiven Flucht von Einwohnern Syriens und des Irak beiträgt.Dies aufgrund der Grausamkeiten und der Schikanen des IS gegenüber religiösen und ethnischen Gruppen, die er als „Ungläubige“ einstuft, und aufgrund der brutalen Durchsetzung der islamischen Religionsgesetze (Scharia) in den von ihm kontrollierten Gebieten. Insofern könnte sich die Medienkampagne des IS als ineffektiv erweisen, da die Zivilbevölkerung unter immensem Druck seitens des IS und anderer Machtfaktoren in Syrien, dem Irak und Libyen zu leiden hat. Vorderhand ist uns nicht bekannt, ob der IS versucht, seiner Ablehnung des erwähnten Phänomens praktische Schritte folgen zu lassen. Wir gehen davon aus, dass der IS bei weiterem Anschwellen der Fluchtbewegung dazu übergehen könnte, verschiedene praktische Maßnahmen zu ergreifen um sie zu bremsen, zumindest das Gebiet des Islamischen Staates betreffend, und möglichweise auch versuchen wird, die Rückkehr von Flüchtlingen in die von ihm kontrollierten Gebiete zu erwirken.
6. Im folgenden Anhang werden Beispiele der IS-Medienkampagne gegen die Fluchtbewegung in den Westen gezeigt.
[1] Hidschra, dt. „Auswanderung“, ist ein wichtiger, symbolträchtiger Begriff in der Geschichte des Islam, den Al-Baghdadi nun mit der Ausrufung des Islamischen Kalifats verbindet. Die Hidschra bezeichnete ursprünglich die Auswanderung des Propheten Mohammed und seiner Anhänger von Mekka nach Medina im Jahre 622, um der Verfolgung in Mekka zu entkommen. Die Auswanderung wurde zum Sinnbild der Abgrenzung der Anhänger Mohammeds von der sündigen Gesellschaft und Vorbild für den Aufbau einer rechtschaffenen islamischen Gesellschaft bzw. der Wiedergeburt des Islam (Uriah Furman, Islamiun (hebr.), IDF, Ma’arachot 2002, S. 322).