
Ein von den Freischärlergruppen hochgeladenes Video über die Besetzung des Al-Omar Ölfeldes in Deir ez-Zor, das als das größte Ölfeld des Landes gilt (YouTube, 23. November 2013))
Übersicht
1. Die Freie Syrische Armee und andere Aktivisten der Al-Nusra Front („Unterstützungsfront“), dem Al-Qaeda Zweig in Syrien, behaupteten, am 23. November 2013, nach einem mehrtägigen Kampf das Al-Omar Ölfeld in Deir ez-Zor eingenommen zu haben. Ein im Internet hochgeladenes Video zeigt Rebellen mit schwarzen Bändern, die einen Panzer mit der Aufschrift „Al-Omar Ölfeld“ fahren. Nach Angaben der Rebellen haben sich die syrischen Kräfte aus dem Ölfeld zurückgezogen. Die Rebellen beschlagnahmten auch sieben Panzer und auf dem Ölfeld befindliche Waffen (Al-Arabiya, 23. November 2013; The Guardian, 23. November 2013). Die syrischen Regierungsmedien veröffentlichten keine Meldungen zu einer Besetzung des Ölfelds.
2. Die arabischen Medien bezeichnen das Al-Omar Ölfeld als Syriens größtes Ölfeld (Al-Hayat, 24. November 2013; Al-Arabiya, 23. November 2013). Ein Reporter von Al-Arabiya bemerkte, durch die Besetzung des Ölfeldes und der dort befindlichen syrische Armeebasis hätten die Rebellen einen größeren Raum eingenommen, der von der syrisch-irakischen Grenze bis zu den Randgebieten des al-Raqqa Landkreises (im Westen) und des Al-Hasakah Landkreises (im Osten) reicht.
3. Die Besetzung des Al-Omar Ölfeldes und die Bombardierung der Raffinerie in Homs (Al-Hayat, 24. November 2013), fügten der seit dem Ausbruck des Bürgerkrieges fast vollständig zerstörten syrischen Erdölinfrastruktur weiteren Schaden zu[1]. Der Großteil der syrischen Erdölinfrastruktur befindet sich jetzt in den Händen der Freischärlerorganisationen – die bekannteste dieser Organisationen ist die Al-Nusra Front. Das Al-Omar Ölfeld, südwestlich von Deir ez-Zor gelegen, ist das einzige Ölfeld, das sich bis vor kurzem noch in den Händen des syrischen Regimes befand, nachdem es Anfang 2013 die Kontrolle über dieses Ölfeld zurückerobern konnte. Nach Angaben des syrischen Regimes produzierte dieses Ölfeld etwa 20 000 Barrel pro Tag (Almonitor, 29. Oktober 2013). Berichten zufolge soll dieses Ölfeld Anfang 2010 eine Produktionskapazität von etwa 200 000 Barrel pro Tag gehabt haben (abarrelfull.wikidot.com).
|
4. Die Besetzung des Al-Omar Ölfeldes stellt eigentlich den letzten Schritt dar, in dem Prozess der Übernahme alles grundlegenden Regierungsinfrastrukturen durch die Al-Nusra Front und andere Rebellenorganisationen. Zu den Infrastrukturen im Norden und Osten Syriens, die schon in die Hände der Rebellen gefallen sind, gehören Öl- und Gasfelder, Pipelines, Dämme, E-Werke und Getreidesilos. Nach der Übernahme dieser Infrastrukturen betreiben die Al-Nusra Front und die anderen Rebellenorganisationen diese Anlagen, in manchen Fällen sogar nach stillschweigenden Abkommen mit dem syrischen Regime (indem sie dem Regime, das sie bekämpfen, gegen Entgelt Öl und Gas liefern). Die Profite aus dem Betrieb der Anlagen (hauptsächlich aus den Ölfeldern) gewähren der Al-Nusra Front hohe monatliche Einnahmen, die es ihr erlauben, die Löhne auszuzahlen, Waffenkäufe zu tätigen und der Bevölkerung der sogenannten befreiten Gebiete Unterstützung zu gewähren.[2] |
Der Betrieb des Öl- und Gasfelder im Norden und Osten Syriens durch die Al-Nusra Front und andere Rebellenorganisationen
5. Die Besetzung des Al-Omar Ölfeldes bildet den letzten Schritt in dem etwa ein Jahr währenden Prozess, in dem die Mehrzahl der Öl- und Gasfelder im Osten und Norden Syriens in die Hände der Rebellen gefallen sind (im Landkreis Deir ez-Zor, Al-Raqqa und AlHasakah). Die meisten Felder werden von einer Rebellenkoalition gesichert und betrieben. Die führende Organisation ist die Al-Nusra Front; es besteht auch eine Zusammenarbeit mit ortsansässigen Sunnistämmen. Ein hochrangiger Vertreter der Al-Nusra Front, bekannt unter dem Codenamen Abu Al-Baraa, gewährte vor einigen Monaten einem Reporter des Guardian ein Telefoninterview, in dem er behauptete, die Mehrzahl der Ölquellen des Landes befänden sich in den Händen der Rebellen (The Guardian, 19. Mai 2013).
6. Nach Berichten in den arabischen und westlichen Medien haben die Al-Nusra Front und ihre Verbündeten in vielen Fällen mit dem syrischen Regime stillschweigende Einverständnisse zu Fragen der Sicherheit der Ölfelder und der laufenden Vermarktung des Erdöls nach Syrien und in andere Länder erzielt. Im Rahmen der getroffenen Abkommen sorgen die Rebellen für die ununterbrochene Zufuhr von Erdöl ins westliche Syrien gegen monatliche Zahlungen, die an die Al-Nusra Front geleistet werden. Abu Sayyaf, ein Vertreter der Ahrar (Al-Sham) Bewegung erklärte damals einem Reporter des Guardian: „ Das syrische Regime zahlt der Jabhat al-Nusra über 150 Millionnen syrische Pfund im Monat, um sicherzustellen, dass das Erdöl weiterhin über die beiden bedeutendsten Pipelines in Banias und Latakia fließt. Mittelmänner, die das Vertrauen beider Seiten genießen, sollen die Transaktion durchführen und das Geld an die Organisation weiterleiten“. (The Guardian, 19. Mai 2013). Ein Reporter des Guardian besuchte die Gas Raffinerie in der Nähe der Stadt Shadadi. Er meldete, dass die Rafinierie, das bedeutendste regionale Gut der al-Nusra Front, von einem jungen Kommandanten der Organisation geleitet wird (der vor Ausbruch des Aufstandes Jura studierte). Er wird von den Mitgliedern der Organisation „Gas Emir“ genannt. Der Kommandant erklärte, die Raffinerie sei bei ihrer Übernahme durch die Rebellen von einem für sie agierenden, gemeinsamen Komitee geleitet worden. Er habe jedoch im weiteren Verlauf, so der Emir, beschlossen, die anderen Partner aus der Leitung der Raffinerie zu entlassen, da ihm wiederholte Diebstähle aufgefallen waren; nach Angaben des Emir stehlen die Angehörigen der Freien Syrischen Armee, die unter großem Einkommensdruck stehen, was sie nur finden können (The Guardian, 10. Juni 2013). ( Hinweis: Gewalttätige Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen der al-Nusra Front und der Freien Syrischen Armee und anderen Rebellenorganisationen um die Herrschaft über die Eröl-, Gas- und Raffinerieinfrastruktureinrichtungen sind ein weit verbreitetes Phänomen).[3]
7. Darüberhinaus exportieren die Al-Nusra Front und ihre Verbündeten verschiedene Treibstoffprodukte in viele Gegenden von Nordsyrien und der Türkei. Nach Angaben von Reuters (10. Mai 2013), werden täglich Tausende Barrels Rohöl in kleinen Tanklastwagen, die Seitenstraßen benutzen, in die Türkei eingeschmuggelt. Aus oppositionsnahen Quellen verlautet, dass die Interimsregierung unter der Leitung von Ahmed Taama am 22. November 2013 mit türkischen Vertretern Verwendung von Öl und Gas im nördlichen Syrien in der Nähe der türkischen Grenze zu besprechen (Al-Hayat, 24. November 2013). Die Rebellen betreiben auch primitive, improvisierte lokale Raffinerien, die eine sehr große Luftverschmutzung verursachen. Sie setzen diese Einrichtungen ein, um Benzin, Dieseltreibstoff und Kochgas herzustellen. Der Ölhandel hat zu einer verstärkten Nachfrage nach Öltankwagen für die Lieferungen geführt, die jeweils einen Profit von bis zu 6.600 Pfund Sterling einbringen können. Die Al-Nusra Front Aktivisten verkaufen auch andere Produkte, die in ihre Hände fallen: Weizen archäologische Kunstgegenstände, Industrieeinrichtungen, Ölbohrer, Fahrzeuge und vieles mehr (The Guardian, zitiert Ahrar (Al-Sham) Aktivist Abu Sayyaf, 19. Mai 2013).
8. Die hohen Summe, die die Al- Nusra Front aus der Ausbeutung der Ölreserven (und anderer Reserven) gewinnt, die sich in den Gebieten, die sie eingenommen haben befinden, werden von der Organisation u. a. dazu eingesetzt, die Unterstützung der lokalen Bevölkerung zu gewinnen. So erklärte z. B. ein ehemaliger leitender Angestellter einer syrischen Ölgesellschaft dem Guardian: „Man braucht kein Genie zu sein, man bringt Mehl mit, man sorgt dafür, dass die Backöfen und Bäckereien wieder arbeiten und schon sind alle in den Dörfern wieder zufrieden und lächeln. Es handelt sich dabei um eine unglaublich gut funktionierende Marketingeinrichtung“ (The Guardian, 19. Mai 2013; siehe auch The Economist, 18. Mai 2013). Die Al-Nusra Front setzt ihre Profite auch zu Waffenkäufen ein und zu Lohnzahlungen an ihre Aktivisten (Reuters, 10. Mai 2013) .
[1] Vor Ausbruch des Konflikts in Syrien, produzierte Syrien täglich etwa 380 000 Barel Öl; die Einnahmen aus den Ölverkäufen machten etwa ein Viertel des Staatshaushaltes aus.
[2] Für weitere Angaben über die zivilen Einsätze der Al-Nusra Front siehe unser Informationsbulletin vom 17. September 2013: „Die Al-Nusra Front (Jabhat al-Nusra) ist ein der Al-Qaeda angeschlossenes salafistisch-jihadistisches Netzwerk mit einer Vorrangstellung unter den Rebellenorganisationen in Syrien. Es zielt darauf ab, das Assad Regime zu stürzen und ein islamisches Kalifat in Groß-Syrien einzurichten, als Zentrum für regionalen und internationalen Terror und subversive Aktionen.“
3] Nach Angaben der arabischen Tageszeitung Al—Hayat (24. November 2013) kam es zu einer gewalttätige Auseinandersetzung zwischen der Al-Nusra Front und dem Islamischen Staat im Irak und Al-Sham, zwei rivalisierenden Al-Qaeda Organisationen, um die Herrschaft über eines des bedeutendsten Gasanlagen in Deir ez-Zor. Kämpfer einer der Sunnistämme, die den Islamischen Staat im Irank und Al-Sham unterstützen brachen am 22. November in die Anlage ein und verhafteten die Mitglieder der Sharia Behörde der Al-Nusra Front, die diese Anlage vorher eingenommen hatte. Dieser Zwischenfall fand vor der Übernahme des Al-Omar Ölfeldes statt.