Aufruf des IS, Botschaften und diplomatische Korps in aller Welt anzugreifen

Überblick

Ein Leitartikel der IS-Wochenzeitschrift al-Naba bezog sich auf die Lehren, die aus dem Angriff auf die irakische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul am 30. Juli 2017, der vom IS als "qualitativ" empfunden wird, zu entnehmen sind. Im Artikel steht, dass ein Angriff gegen Botschaften und den diplomatischen Korps einer der effektivsten und billigsten Wege sei, Druck auf die "ketzerischen Regierungen" auszuüben. Laut dem Artikel legt der islamische Staat großen Wert auf solche Handlungen und ermutigt jeden Muslim in jedem Land der Welt, die Botschaften oder deren diplomatischen Korps anzugreifen, sei es durch Tötung oder durch Geiselnahme. Nach dem Artikel sei das Töten von Botschaftsmitarbeitern außerhalb ihres Landes sogar der Tötung von Dutzenden von Zivilisten in ihrem eigenen Land vorzuziehen, da der Schadenseffekt bei einem Angriff auf eine Botschaft nachhaltiger wirkt. Der Artikel wendet sich an Muslime und ruft sie auf, Initiative zu ergreifen und Attentate auf Botschaften und Diplomaten der "ketzerischen Länder" zu verüben (al-Naba, 3. August 2017).

Der Anfang des Artikels: "Der Krieg der Botschaften [erfüllt] die ketzerischen Länder mit größter Ehrfurcht und tiefem Schmerz" (al-Naba, Heft 92, 3. August 2017)

Der Anfang des Artikels: "Der Krieg der Botschaften [erfüllt] die ketzerischen Länder mit größter Ehrfurcht und tiefem Schmerz" (al-Naba, Heft 92, 3. August 2017)

  • Im Hintergrund des Aufrufs zum Angriff auf die Botschaften und die diplomatischen Korps stehen die Niederlagen, die der IS in der letzten Monaten im Irak und in Syrien erlitten hatte (der beträchtlichste Verlust war der von Mosul, die sogenannte "Hauptstadt" des Kalifats). In Folge seiner Schwächung in den "Kernländern" ermutigt der IS seine Aktivisten und Unterstützer auf der ganzen Welt, Angriffe in ihren Wohnorten durchzuführen, um dem islamischen Staat zu helfen. Der Angriff auf die irakische Botschaft in Kabul wird vom IS als "qualitativ" empfunden und somit drängt der IS seine Anhänger dazu, diesen in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt nachzuahmen. Unserer Auffassung nach, sind die Aktivisten und Sympathisanten des IS imstande, diesem Aufruf zu folgen.
Die wichtigsten Punkte im Artikel, der zu Attentaten gegen ausländische Botschaften aufruft
  • Der Artikel erschien als Leitartikel in der IS-Wochenzeitschrift al-Naba unter dem Titel "Der Krieg der Botschaften [erfüllt] die ketzerischen Länder mit größter Ehrfurcht und tiefem Schmerz". Er wurde am 3. August 2017 nur drei Tage nach dem Angriff von IS-Aktivisten auf die irakische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul veröffentlicht. Dies ist der erste Angriff auf eine ausländische Botschaft, zu dem sich die Organisation bekennt. Hinweis: Die Übersetzung des Artikels finden Sie im Anhang.
  • Laut dem Artikel war der Angriff auf die irakische Botschaft in Kabul nicht der erste seiner Art. Allerdings war es eine Erinnerung an die Bedeutung dieser Art von qualitativen "schmerzhaften Schlägen" und ihre Wirksamkeit gegen die Feinde des IS. Der Artikel hebt eine Reihe von Gründen, weswegen weitere Anschläge dieser Art nötig sind, hervor:
    • Die Botschaften und Gesandtschaften stellen schließlich ein verkleinertes Bild ihrer Regierungen dar. Zudem spielen sie eine führende Rolle bei der Förderung und Umsetzung der Interessen ihrer Regierungen, seien diese politischer, wirtschaftlicher oder strategischer Natur.
    • Diese Vertretungen bilden zudem Zentren für Spionagetätigkeiten, für Datenerfassung und für die Organisation von Operationen gegen Feinde und Gegner, sowie als Kontaktbasen für Bürger, die sich außerhalb ihres Landes aufhalten.
    • Der Schaden, der den Botschaften und deren "diplomatischen" Korps verursacht werden kann, ist immer noch eine der wirksamsten Methoden, die Regierungen durch Einsatz relativ geringer Mittel unter Druck zu setzen. Terroristische Aktivitäten gegen sie bringen sie in Verlegenheit und stellen sie als solche dar, die nicht in der Lage sind, ihre Bürger zu beschützen.
    • Der Schaden, der einem Diplomaten, der sich außerhalb seines Landes aufhält, verursacht werden kann, löst in seinem Land ein großes Leid aus, das größer als die Tötung Dutzender von Menschen im eigenen Lande und für die Regierungen schmerzhafter als ein Angriff auf ihre Verteidigungsinfrastrukturen und militärischen Hauptquartiere, die sich auf ihren Hoheitsgebiete befinden, ist.

Aus diesen Gründen betrachtet der Islamische Staat die Botschaften und die Botschaftsmitarbeiter als wichtige Angriffsziele und ermutigt jeden Muslim auf der ganzen Welt, diese durch Tötung oder Geiselnahme anzugreifen. Zudem erklärt der Artikel, dass jeder Muslim, der das Dschihad-Grundgebot des Islams (der Kampf auf dem Wege Gottes, bis der Islam die weltbeherrschende Religion ist) ausüben möchte und aus welchem Grund auch immer sein Land nicht verlassen kann, absolut keine Schwierigkeiten haben wird, im eigenen Land fremde Bürger zu finden. Diese könnte er dann angreifen und somit das Gebot des Dschihad ausüben. Der Aufruf des IS richtet sich diesmal gegen Botschaften und die diplomatischen Korps, um die Resonanz der Anschläge zu intensivieren, dies im Vergleich zu Messer- oder Auto-Angriffen, zu denen der IS seine Anhänger in ihren Wohnorten in der Vergangenheit aufgerufen hatte.

Der Angriff auf die irakische Botschaft
in Kabul in Afghanistan
  • Am 31. Juli 2017 wurde die irakische Botschaft, die sich im Zentrum der afghanischen Hauptstadt Kabul in der Nähe der meisten ausländischen Botschaften befindet, angegriffen. Das afghanische Innenministerium berichtete, dass der Angriff von vier Terroristen verübt wurde. Zuerst sprengte sich einer von ihnen am Eingang zur Botschaft in die Luft und ermöglichte somit dem Rest der Angreifer den Eintritt in die Botschaft. Diese stürmten dann nach innen und schossen in alle Richtungen. Laut dem Innenministerium umzingelten Polizeikräfte das Gebiet und leiteten das Botschaftspersonal heraus, ohne dass jemand von ihnen verletzt wurde (Website des afghanischen Innenministeriums, 31. Juli 2017). Es bleibt allerdings unklar, wie viele Personen bei dem Angriff wirklich verletzt oder getötet wurden.

Die Explosion in der irakischen Botschaft in Kabul  (Website des Innenministeriums von Afghanistan, 31. Juli 2017)

Die Explosion in der irakischen Botschaft in Kabul
(Website des Innenministeriums von Afghanistan, 31. Juli 2017)

  • Die Khorasan Provinz des Islamischen Staates bekannte sich zu dem Angriff. Die Organisation gab eine Erklärung ab, wonach die beiden Aktivisten Abu Dschlabib aus Korasan und Abu Talha al-Balkhi in der irakischen Botschaft einen doppelten Selbstmordanschlag verübt haben. Laut dieser Erklärung griffen die beiden Terroristen die Botschaft mit Sprengstoffgürteln am Leibe, Maschinengewehren und Handgranaten an. Ein Terrorist sprengte sich in der Nähe des Wächters in die Luft und der zweite schoss auf das Botschaftspersonal im Inneren des Gebäudes. Nach IS-Angaben wurden beim Angriff sieben Sicherheitsbeamte außerhalb des Gebäudes und mehr als zwanzig Personen im Inneren des Botschaftsgebäudes getötet (Haq, 31. Juli 2017).
Die Szene des Angriffs (al-Sumaria, 31. Juli 2017)    IS-Aktivisten, die den Angriff auf die irakische Botschaft in Kabul verübten (Haq, 31. Juli 2017)
Links: Die Szene des Angriffs (al-Sumaria, 31. Juli 2017)
Rechts: IS-Aktivisten, die den Angriff auf die irakische Botschaft in Kabul verübten (Haq, 31. Juli 2017)
  • Dies ist nicht das erste Mal, das eine Botschaft in Kabul angegriffen wurde. Am 31. Mai 2017 explodierte eine Autobombe im gesicherten Diplomatenviertel der Hauptstadt Kabul. Die Explosion tötete damals mehr als neunzig und verletzte 463 Personen, darunter 11 Amerikaner. Der Sprengstoff wurde in einem Abwassertransporter verborgen (Reuters, 31. Mai 2017). Kabuls Polizeisprecher sagte, dass sich die Explosion auf dem Platz nahe der deutschen Botschaft ereignete. Ein afghanischer Wachmann, der die Botschaft sicherte, wurde dabei getötet. Einige Mitarbeiter der deutschen Botschaft wurden dabei verletzt. Zudem wurden auch einige Mitarbeiter der Botschaften der Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten verletzt. Die Taliban bestritt damals jede Verbindung zum Angriff (Der Saudi-Nachrichtensender; Afghanistan Times, 31. Mai 2017). In einigen Berichten in den arabischen Medien wurde erklärt, dass sich der IS zum Angriff bekannte. Diese Berichte konnten jedoch nicht nachgewiesen werden.
Anhang
Der Leitartikel in der Zeitschrift al-Naba
"Der Krieg der Botschaften [erfüllt] die ketzerischen Länder mit großer Ehrfurcht tiefem Schmerz"

Der Leitartikel in der Zeitschrift al-Naba